Start Bücher Der Solar-Hebel Kap. 10 — Was vor der Sanierung zu klären ist

DER SOLAR-HEBEL · KAPITEL ZWEI

10

Was vor der Sanierung zu klären ist.

Wie Sie in fünf Minuten und mit zwei Zahlen ausrechnen können, was Ihr Industriedach pro Jahr an Strom machen würde. Ohne Ingenieurbüro. Ohne Excel. Auf einem Bierdeckel.

~ 18 Min Lesezeit Stefan Haab aktualisiert Mai 2026 Kapitel 10 von 12
PV-Module auf Industriedach · Aufmaß per Drohne

Ich bin im Sommer 2024 in einer Halle in Bergheim gestanden, mit dem Geschäftsführer, einem freundlichen Mann Ende fünfzig, dessen Firma seit 1962 Maschinen baut. Wir haben über Sanierung geredet. Über Bitumen. Über Dämmung. Irgendwann hat er gesagt: „Solar ist nichts für uns." Ich habe gefragt, warum. Er sagte: „Wir wissen ja nicht mal, wieviel das überhaupt bringen würde."

Genau dafür gibt es dieses Kapitel. Sie brauchen am Ende keine Ingenieurin. Sie brauchen zwei Zahlen, eine Multiplikation und einen Bierdeckel. Wenn Sie nach diesen fünf Minuten immer noch sagen „Solar ist nichts für uns", dann ist das in Ordnung — aber dann wissen Sie wenigstens, was Sie ausschlagen.

Die zwei Zahlen, die Sie kennen müssen.

Erste Zahl: Ihre Dachfläche. Nicht die Grundfläche der Halle. Die Dachfläche. Das ist meistens 5–10 Prozent mehr als die Grundfläche, weil Dächer leichte Neigungen haben — bei Flachdach kommt das hin. Wenn Sie nicht wissen, wie groß Ihr Dach ist: nehmen Sie Länge und Breite Ihrer Halle und multiplizieren Sie es. Das reicht für den Bierdeckel.

Zweite Zahl: Ihr aktueller Industriestrompreis. Nicht der Tarif von 2019. Der aktuelle. Stand 2026 liegen mittelständische Industriebetriebe in Deutschland meistens zwischen 22 und 35 Cent pro kWh — je nach Beschaffungsstruktur und Netzentgelten. Wenn Sie nicht sicher sind: nehmen Sie 28 Cent. Für die Bierdeckel-Rechnung reicht das.

Das war übrigens der Punkt, an dem mein Bergheimer Geschäftsführer angefangen hat, mit dem Kuli Notizen zu machen. Bis dahin hatte er noch skeptisch geguckt.

— STEFAN HAAB

Die Daumenregel: 0,15 kWp pro Quadratmeter.

Das ist die wichtigste Zahl im ganzen Kapitel. Bitte einmal merken: Pro Quadratmeter Industriedach passen ungefähr 0,15 Kilowatt-Peak an Solarleistung drauf. Das ist konservativ gerechnet, lässt schon Platz für Wartungswege und Schattenwurf von Lüftungen oder Dachfenstern.

Also: 2.000 m² Dach × 0,15 = 300 kWp. So einfach ist das. Bei manchen Hallen geht etwas mehr, bei manchen weniger — aber für die Größenordnung haben Sie damit Ihre erste Zahl.

Jetzt brauchen Sie noch, wieviel Strom 1 kWp pro Jahr produziert. In Deutschland — ohne Berücksichtigung der genauen Region oder Dachausrichtung — sind das im Schnitt 1.000 kWh pro kWp und Jahr. Auch das ist konservativ. In Süddeutschland sind 1.100 realistischer, in Norddeutschland 950 — aber für den Bierdeckel: 1.000.

0,15
kWp Solarleistung pro Quadratmeter Industriedach
1.000
Kilowattstunden Stromproduktion pro kWp und Jahr (Deutschland-Schnitt)

Die Rechnung für eine 2.000-m²-Halle.

Sie haben jetzt alles, was Sie brauchen. Drei Multiplikationen:

  1. 2.000 m² × 0,15 kWp/m² = 300 kWp installierbare Solarleistung.
  2. 300 kWp × 1.000 kWh/kWp = 300.000 kWh Stromproduktion pro Jahr.
  3. 300.000 kWh × 0,25 €/kWh = 75.000 € Strom-Wert pro Jahr.

Achtung: Ich habe in Schritt 3 vorsichtshalber mit 25 Cent gerechnet, nicht mit den 28, die ich oben empfohlen habe. Bei 28 Cent wären es 84.000 €. Aber: nicht jede produzierte Kilowattstunde wird auch selbst verbraucht. Was nicht selbst genutzt wird, geht ins Netz und bringt nur die Einspeisevergütung — und die ist deutlich niedriger als der Strompreis. Mehr dazu im nächsten Kapitel.

Sie haben eine 2.000-m²-Halle und denken „Solar ist nichts für uns"? Das sind 75.000 Euro pro Jahr, die Sie nicht haben wollen. Hört sich blöd an, ist aber so.

Was diese Rechnung nicht ist.

Eine seriöse Wirtschaftlichkeitsrechnung. Die kommt vom Handwerker oder vom Solarteur nach Aufmaß. Sie berücksichtigt Investitionskosten, Abschreibung, Wartung, Versicherung, Eigenverbrauchsquote, eventuelle Speicher, steuerliche Effekte. Das alles kann nicht auf einen Bierdeckel.

Aber die Bierdeckel-Rechnung ist ehrlich genug, um zu entscheiden: „Lohnt es sich, das mal genauer prüfen zu lassen?" Wenn Sie eine Halle ab 1.500 m² haben und Industriestrom zu marktüblichen Preisen kaufen, lautet die Antwort fast immer: Ja, lohnt sich.

Übung für Sie selbst.

Nehmen Sie sich jetzt einen Stift, irgendein Stück Papier. Schreiben Sie die Dachfläche Ihrer Halle drauf. Multiplizieren Sie mit 0,15. Dann mit 1.000. Dann mit Ihrem Strompreis. Das Ergebnis ist die Größenordnung dessen, was Ihre Halle pro Jahr an Strom machen würde.

Wenn das eine fünf- oder sechsstellige Zahl ist — und das wird es sein, wenn Ihre Halle über 1.000 m² hat — dann ist das Kapitel hier wichtig gewesen. Im nächsten geht's um die nächste große Frage: Was machen Sie mit dem Strom — selbst verbrauchen oder einspeisen.

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